Schwäbische Zeitung: „Angst vor der Rückkehr in die Heimat“

Wenn am 3. Dezember Flüchtlinge aus Gambia an einem Demonstrationszug durch Ravensburg teilnehmen, ist das für sie keine Selbstverständlichkeit. In ihrem Herkunftsland würden sie wegen Kritik am Regime mit hoher Wahrscheinlichkeit eingesperrt werden, gefoltert, getötet. Um so wichtiger ist es ihnen, auf die dortigen politischen Verhältnisse aufmerksam zu machen, ihnen die Rückkehr in die Heimat unmöglich macht.

Die Gambier stellen im Kreis Ravensburg mit über 400 Menschen die größte Bevölkerungsgruppe unter den Flüchtlingen. Einer von ihnen ist Bocar Mbaye (Name geändert), Bewohner einer Unterkunft in Ravensburg. Die Vorstellung, in sein Heimatland zurückzukehren, erfüllt den 33-Jährigen mit Todesangst. Deshalb will er seinen Namen nicht veröffentlicht haben, ebenso wenig ein Foto. Er war in Gambia bereits ein Jahr im Gefängnis, ohne Gerichtsverhandlung: „Sie haben mich vergessen“. Sein Vergehen: Er habe einen Laptop und eine CD seiner Schwester besessen, die als Journalistin arbeitet. Kritische Journalisten, berichten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, sind in Gambia regelmäßig Ziel staatlicher Übergriffe. Mbayes Schwester konnte sich in die USA absetzen. Er selbst floh mit vier weiteren Insassen aus dem Gefängnis und schaffte es als einziger bis Libyen, wo er sich das Geld für die gefahrvolle Überfahrt nach Italien verdiente. Mit viel Glück kam Mbaye in nur drei Tagen auf See mit 130 anderen Flüchtlingen in Sizilien an. Die Insassen in zwei anderen Booten wurden von der libyschen Marine zurückgebracht: Sie konnten sich die Freiheit erkaufen oder mussten dafür arbeiten.Seinen Asylantrag hat Mbaye in Deutschland gestellt. Bis zur Anhörung ist sein Aufenthalt gestattet. „Bei Syrern geht das schnell“, weiß Barbara Missalek vom Arbeitskreis Asyl. Bei Gambiern könne das auch drei Jahren dauern. Das habe den Vorteil, dass genug Zeit für eine Ausbildung bleibt. Voraussetzung dafür ist aber die deutsche Sprache. Syrischen oder irakischen Flüchtlingen würden gute Sprach- und Integrationskurse angeboten, weiß Missalek. Gambier müssen sich mit Grundkursen zufrieden geben. Bocar Mbaye, gelernter Elektriker, arbeitet als Hausmeister in der Firma EBZ. Abends drückt er die Schulbank, um Deutsch zu lernen. Sein Ziel ist die Ausbildung zum Altenpfleger.

In Deutschland sieht er seine Zukunft. Für eine Rückkehr nach Gambia sieht er keine Perspektive. Dort ist seit einem Militärputsch 1994 Yahya Jammeh an der Macht, die er mit allen Mitteln verteidigt. Am 1. Dezember steht er zur Wiederwahl für seine fünfte Amtszeit. Die Wahlkommission steht unter Kontrolle des Diktators, die Wahl verspricht wenig demokratisch abzulaufen. Bocar Mbaye ist sicher: Würde er abgeschoben, wäre das sein sicherer Tod. Asylbewerber aus Gambia, ließ der Präsident verlauten, seien minderwertig, besonders die, die den Antrag in Deutschland stellen.

Vor diesem Hintergrund kann Barbara Missalek nicht verstehen, dass der Stuttgarter Innenminister Thomas Strobl fordert, Gambia zum sicheren Herkunftsland zu erklären. Für die Unterbringung von Flüchtlingen aus Gambia ist in Deutschland das Land Baden-Württemberg zuständig. Rückkehrer, so Missalek, seien besonders gefährdet: „Viele verschwinden einfach oder tauchen irgendwann tot am Strand wieder auf“.

Das Programm rund um die Demo

Die Demo startet am 10. Dezember um 14.30 Uhr am Bahnhof und führt durch die Innenstadt bis zum Holzmarkt. Reden gibt es am Bahnhof, an der Jodokskirche und am Holzmarkt. Am Holzmarkt gibt es außerdem von 9 bis 12 Uhr Informationen über Gambia. Die Demo ist ursprünglich eine Initiative der Gambier. Verschiedene Helfer-Organisationen unterstützen und machen mit. Auch der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg unterstützt die Aktivitäten z.B. mit Flugblättern. Am 3. und 10. Dezember ab 15 Uhr gibt es weitere Aktionen auf dem Marienplatz.

Weitere Informationen, unter anderem ein Dossier, gibt es auf der Internetseite helferkreis-breisach.de/gambia/

Der Artikel  „Angst vor der Rückkehr in die Heimat“ erschien am 27.11.16 in der Schwäbischen Zeitung.

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