NZZ: Wahlen in Gambia – Angriff auf den irren Diktator

Zum ersten Mal seit langem könnte der gambische Alleinherrscher Jammeh die Wahlen verlieren – wenn sie fair wären. Vermutlich wird er jedoch auch dieses Mal siegen.

Am Donnerstag finden im westafrikanischen Kleinstaat Gambia Präsidentschaftswahlen statt. Es gibt drei Kandidaten: Yahya Jammeh, seit 22 Jahren an der Macht, den Immobilienhändler Adama Barrow und Mama Kandeh, ehemaliger Abgeordneter in Jammehs Regierung. Alle drei sind 51 Jahre alt. Geht alles mit rechten Dingen zu, hat Barrow gute Chancen, Jammeh aus dem Amt zu kippen, denn zum ersten Mal konnte sich die Opposition auf einen einzigen Kandidaten einigen.

Faire Wahlen unwahrscheinlich

Aber kaum jemand rechnet damit, dass es mit rechten Dingen zugehen wird. Europäische Wahlbeobachter sind nicht zugelassen, lediglich solche der Afrikanischen Union (AU). Jammeh putschte sich 1994 an die Macht, wurde 1996 zum Präsidenten gewählt und seither drei Mal im Amt bestätigt. Sein Regime ist durch Willkür und Repression gekennzeichnet.

Gambia als Emigrationsland

Gambia ist ein geografisches Kuriosum. Abgesehen von seiner atlantischen Küste wird es von Senegal umschlossen, das es fast in zwei Hälften teilt. Die ehemals britische Kolonie ist für Europa insofern wichtig, als aus keinem anderen Land im Vergleich zur Bevölkerungszahl mehr Flüchtlinge versuchen, über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen und dann weiter nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz. Viele suchen auch Arbeit im freieren Nachbarland Senegal. Das erstaunt nicht; mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut, und Andersdenkende werden erbarmungslos geknebelt.

Jammehs wichtigster Rivale, Ousainou Darboe von der United Democratic Party (UDP), wurde im Juli zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Solo Sandeng, ein anderer prominenter Oppositioneller aus dem UDP-Lager, wurde im April bei einer Demonstration festgenommen und starb in der Untersuchungshaft. Ironie des Schicksals: Diese Vorkommnisse zwangen die Opposition, sich zusammenzuraufen und sich endlich nach all den Jahren auf einen einzigen Gegenkandidaten zu einigen.

Barrow, der Rausschmeisser

Adama Barrow (ebenfalls UDP) war bis vor kurzem noch ein Unbekannter in der politischen Landschaft. Als junger Mann verbrachte er einige Jahre in London und wird nicht müde, seine Landsleute vor falschen Hoffnungen auf das europäische «Paradies» zu warnen. In England betätigte er sich auch als Rausschmeisser in Clubs, und heute wird er gerne ironisch als derjenige charakterisiert, der Jammeh rauswerfen wird.

Er scheint recht beliebt zu sein im Volk. Wie gross seine Chancen tatsächlich sind, ist schwierig zu sagen, da es keine Umfragen gibt und so etwas wie eine freie Presse nicht existiert. Seit Mittwochabend sind auch alle Internetverbindungen unterbrochen und Telefongespräche ins Ausland sind nicht mehr möglich. Es ist also schwierig, Informationen aus erster Hand zu bekommen.

Jammeh, der Wunderheiler

Jammeh gilt als unberechenbarer Despot. Er behauptet von sich, er könne Aids und Ebola heilen. Seine eigene Mutter liess er einmal ins Gefängnis werfen; er verdächtigte sie, Hexerei zu praktizieren. Vor drei Jahren kündigte er die Mitgliedschaft im Commonwealth auf, Ende 2015 erklärte er Gambia plötzlich zur«islamischen Republik» und zeigt sich in der Öffentlichkeit nur noch im weissen Gewand mit dem Koran in der einen und der Gebetskette in der andern Hand. Im Oktober dieses Jahres verkündete er den Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC). Vor knapp einem Jahr kam es in der Hauptstadt Banjul zu einem kuriosen Putschversuch. Seither wurde die Repression im Land noch verschärft.

Jammeh scheut auch nicht vor ethnischer Verhetzung zurück. Regelmässig beschimpft er das Volk der Mandingue und behauptet, sie seinen keine Gambier. Auch mit dem Nachbar Senegal sucht er unaufhörlich Streit.

Grössenwahnsinniger Schwulenhasser

Vielleicht war er schon grössenwahnsinnig, als er – noch keine dreissig Jahre alt – als Leutnant der Militärpolizei den bisherigen Präsidenten Jawara aus dem Amt putschte. Heute lässt er sich Seine Exzellenz Scheich Professor Alhaji Dr. Yahya Abdul-Azziz Jemus Junkung Jammeh nennen. Homosexuellen droht er, sie eigenhändig zu enthaupten. Einmal behauptete er, Gambia werde schon bald die einzige verbliebene Supermacht der Welt sein. Neben den Remissen von Exilgambiern ist eine der Haupteinnahmequellen der männliche und weibliche Sextourimus an den schönen Atlantikstränden.

Selbst das Wahlverfahren ist kurios in diesem seltsamen Land mit seinem bizarren Herrscher. Wegen der vielen Analphabeten werden keine Zettel ausgefüllt. Stattdessen stehen in den Wahllokalen drei verschiedenfarbige Kübel. Jeder steht für einen Kandidaten. In das jeweilige Loch wirft man dann eine Murmel; ein Glockengeräusch zeigt an, dass man nun keine zweite Kugel einwerfen kann.

Viele Freunde sind Jammeh nicht geblieben. Falls die Manipulation der Wahl allzu offensichtlich ausfällt, ist es gut möglich, dass die AU dieses Mal kein Auge zudrückt und es zu einer harten Konfrontation kommt, die in Gewalt umschlagen könnte.

Der Artikel  „Wahlen in Gambia – Angriff auf den irren Diktator“ erschien am 01.12.16 in der Neuen Züricher Zeitung.

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