RNZ: „Gambische Flüchtlinge in Heidelberg feierten Regimewechsel mit Friedensmarsch“

Es war Freitagmittag, als die gambische Regierung die abgeschalteten Internet- und Telefonleitungen wieder aktivierte und Yahya Sonko auch in Heidelberg vom historischen Ereignis in seiner Heimat hörte: Der Abwahl des Diktators Yahya Jammeh, nach 22 Jahren an der Macht. „Das hat alles verändert“, sagt er. Und tanzt einen Tag später in der Kurfürsten-Anlage, gegenüber dem Bauhaus, inmitten eines gambischen Friedensmarsches. Fast 30 Flüchtlinge aus dem Patrick Henry Village und auch ein paar Heidelberger ziehen von dort aus, mit Flaggen und Plakaten bestückt, über die Poststraße bis hinüber zur Kleinen Plöck.

Angemeldet hatte Sonko die Veranstaltung. „Damals dachten wir noch, Jammeh würde wiedergewählt“, sagt er. „Dagegen wollten wir protestieren.“ Denn die Öffentlichkeit sollte erfahren, was in ihrem kleinen Land an der Küste Westafrikas seit Jahrzehnten geschieht. „Unendlicher Terror“, wie er es nennt, „der uns alle zur Flucht trieb.“ Um die Verzweiflung der Männer zu verstehen, muss man tief in die Geschichte Gambias blicken. 22 Jahre zurück, als Yahya Jammeh sich bis an die Spitze des Landes putschte und fortan mit aller Härte an der Macht blieb: „Wer nicht auf seiner Seite stand, wurde verfolgt, oft auch getötet“, erzählt Sonko, der als Lehrer selbst ins Visier des Regimes geriet. „Ich wollte Geschichte unterrichten, da gehört es dazu, von Demokratie zu sprechen, zu erklären, was das ist.“ Aber Jammeh sah das anders. „Obwohl ich seinen Namen im Unterricht nie erwähnte, fühlte er sich bedroht. Man hat mich von Regierungsseite gebeten, meinen Unterricht zu ändern.“ Sonko tat das nicht. „Das hätte ich vor meinen Schülern nicht verantworten können.“

Was folgte waren Gefängnisaufenthalte, Prügel, Folter. Vor dem Prozess kam er auf Kaution frei und floh, erst ins Nachbarland Senegal, wo man den Lehrer aber, weil Jammehs Verbindungen bis dorthin reichten, aufspürte.
„Ich habe es gerade noch Richtung Norden, nach Libyen, geschafft“, berichtet er. „Und konnte im Anschluss an den Arabischen Frühling dort auch nicht mehr bleiben.“ Seine gambischen Freunde aus Patrick Henry Village erzählen ähnliche Geschichten. Da sind welche, deren Land und Häuser Jammeh raubte, welche, die von Schwulenhass, von geduldeten Vergewaltigungen, von Hinrichtungen ohne Urteil sprechen. Und welche wie Omar Jatta. Unter dem Diktator war er Polizeioffizier und erlebte, wie Jammeh alles kontrollierte. „Irgendwann war mir das zu viel, ich wollte nicht Teil von so etwas sein“, sagt er. Ansumana Ceesay stimmt die heimische Nationalhymne an, um in dem Refrain zu zeigen: „Wir sind eine Gemeinschaft, eine Welt.“ Was in ihrer Heimat passiert, hat Auswirkungen auf ihr Leben hier in Deutschland, das wissen sie.

Immer wieder stoppt der Marsch, wenn die Gambier singen. Aber ihr Wunsch, mit Heidelbergern ins Gespräch zu kommen, stößt auf begrenztes Echo. Ein paar drehen sich um, lesen die Plakate mit Aufschriften wie „Wir sind die Opfer von Yahya Jammeh“ und gehen weiter. Dabei hofft Sonko gerade jetzt auf einen Dialog. Wie viele Gambier fürchtet er, dass seine Heimat zum sicheren Herkunftsland wird und er somit leichter abgeschoben werden kann. „Es ist richtig, wir sind keine Diktatur mehr, der neue Präsident hat Reformen angekündet“, sagt Sonko. „Aber Gambia ist völlig zerstört. Da hätten wir keine Perspektive mehr.“

Der Artikel „Gambische Flüchtlinge in Heidelberg feierten Regimewechsel mit Friedensmarsch“ erschien am 5.12. in der Rhein-Neckar Zeitung

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