Schwäbische Zeitung: „Gambischer Abend in Wurzach geplant“

Bad Wurzach sz Zu einem gambischen Abend mit Informationen und afrikanischen Speisen laden die Flüchtlinge aus Gambia und der Treffpunkt Asyl (TPA) in Bad Wurzach ein. Er findet am Freitag, 9. Dezember, in der Mensa des Salvatorkollegs statt.

„Warum kommen diese Menschen zu uns. Das ist die Frage, die wir an diesem Abend beantworten wollen“, sagt Murielle Willburger vom TPA. Denn über die politische Situation in Gambia sei der Bevölkerung wenig bekannt, anders als zum Beispiel über jene in Syrien. „Es herrscht dort kein offener Krieg“, so Willlburger, „aber Gambia wird von einem kriminellen Diktator beherrscht.“ Meinungsfreiheit gebe es dort nicht, wer das Falsche sage, müsse mit Haft, Folter, ja sogar der Todesstrafe rechnen. Auch die Familie müsse dann mit Repressalien rechnen.

Flucht vor der Diktatur

Daher flüchten viele, zum Beispiel der 26-jährige Musa, einer von derzeit rund 60 Gambiern in Bad Wurzach. Weil er den langen Arm des gambischen Regimes fürchtet, will er seinen Nachnamen und seinen Heimatort nicht veröffentlicht sehen. „Obwohl ich jetzt in einem freien Land lebe, muss ich sehr vorsichtig sein, wenn ich telefoniere oder in sozialen Netzwerken bin“, sagt Musa, „weil sonst meine Familie in Gambia große Schwierigkeiten bekommt.“

Die Hoffnung auf ein freies Leben ließ ihn 2012 aus seiner Heimat flüchten. Über Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger und Libyen führte ihn sein Weg nach Italien. „Die Überfahrt war schlimm, ich hatte große Angst. Es war ein kleines Schlauchboot mit vielen Menschen“, erzählt er.

Traum vom Wirtschaftsstudium

Nach einem kurzen Aufenthalt in Italien gelang ihm die Einreise nach Deutschland, wo er seit Oktober 2014 in Bad Wurzach lebt. Dank ehrenamtlich organisierter Deutsch-Kurse und eines VHS-Lehrgangs in Kißlegg kann er sich inzwischen gut auf Deutsch verständigen. Seit einigen Monaten und noch bis Ende Februar belegt er auch ein Orientierungssemester an der Hochschule in Biberach. Davor arbeitete er ein Jahr lang bei Oberland Plastik, die Hoffnung auf eine Festanstellung zerschlug sich allerdings.

Wirtschaftswissenschaften habe er in Gambia studiert, erzählt Musa. „Das würde ich gerne auch in Deutschland .“ Aber die nötige finanzielle Unterstützung für ein Studium bekommt der 26-Jährige nicht, weil er nach aktuellem Stand kein anerkannter Flüchtling ist.

Später nach Gambia zurückkehren, „wenn dort keine Diktatur mehr herrscht“, ist ein weiterer Wunsch von ihm. Doch Musa ahnt, dass dies wohl noch lange dauern wird. Derweil wartet er in Bad Wurzach wie die meisten seiner Landsleute darauf, dass sein Asylantrag bearbeitet wird. Derzeit hat er eine Aufenthaltsgestattung, die halbjährlich verlängert werden muss. Eine Abschiebung sei jederzeit möglich, sagt Murielle Willburger.

„Ich weiß nur von einem der 60 Gambier in Bad Wurzach, der zumindest schon eine Anhörung hatte“, erzählt sie. „Alle hängen in der Luft, und das zum Teil seit zwei Jahren.“

Über dieses zermürbende Warten, die Zustände in ihrem Heimatland und ihre ganz persönlichen Wünsche und Träume wollen die jungen Männer am 9. Dezember im Salvatorkolleg möglichst vielen Menschen berichten.

„Alle hängen in der Luft“

Tags darauf findet um 14.30 Uhr in Ravensburg eine Kundgebung statt, mit der die Flüchtlinge und viele Mitglieder der Helferkreise der Region auf die langsame Abwicklung der Asylanträge aufmerksam machen wollen. Sie beginnt am Bahnhof und führt durch die Innenstadt bis zum Holzmarkt. Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg unterstützt die Aktivitäten.

Der Artikel „Gambischer Abend in Wurzach geplant“ erschien am 02.12.16 in der Schwäbischen Zeitung

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