Reutlinger Generalanzeiger: „An eine Rückkehr nach Gambia ist noch nicht zu denken“

Die Forderung, Gambia als sicheres Herkunftsland einstufen zu wollen, löste vor allem in Kreisen von Flüchtlingshelfern, Ehrenamtlichen und Schutzsuchenden aus Gambia Entrüstung aus. Um auf massive Menschenrechtsverletzungen in Gambia hinzuweisen, organisierte der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg eine Aktionswoche, an der auch Schüler der Reutlinger Laura-Schradin-Schule teilnahmen.

Anlässlich der Aktionswoche Gambia gab es auch einen Stand auf dem Marktplatz. Hier informierten Geflüchtete über die aktuelle Lage in ihrem Heimatland. FOTO: PRIVAT
Verwandte Beiträge

An 50 Standorten in Baden-Württemberg gab es in dieser Woche Veranstaltungen, die mit dem Motto »Diktatur in Gambia – schiebt Menschen aus diesem Land nicht ab!« überschrieben waren.

Zweijährige Vorbereitungsklasse

»Viele Menschen wissen gar nicht, wo Gambia liegt, oder wie die dortige Lage der Menschenrechte ist«, sagt Heike Gerlach, Lehrerin einer Vorbereitungsklasse an der Laura-Schradin-Schule im Gespräch mit dem GEA. »Deshalb haben wir die Aktionswoche zum Anlass genommen, um an unserem Stand neben Allgemeinem zu Gambia auch über die dortige politische Lage zu informieren.«

Unterstützt wurde sie dabei von ihren Schülern der Vorbereitungsklasse, unter ihnen Foday, Modou und Ensa aus Gambia. Alle drei gehen zurzeit auf die Laura-Schradin-Schule. »In der zweijährigen Vorbereitungsklasse lernen die Schüler Deutsch und werden dabei sehr berufsorientiert auf einen Hauptschulabschluss vorbereitet«, so Gerlach. Foday, Modou und Ensa, die nicht möchten, dass ihre Nachnamen in der Zeitung stehen, berichteten am Infostand über die Beweggründe ihrer Flucht aus Gambia. Vor allem die politische Situation sei ihnen zu brenzlig geworden. »Mein Vater kam als Anhänger der Opposition ins Gefängnis. Ich weiß nicht, was mit ihm ist«, sagte Modou. »Also habe ich mich entschlossen, Gambia zu verlassen.«

Ensa und Foday haben aus ähnlichen Gründen ihre Heimat verlassen. »Seit der Diktator Yahya Jammeh sich 1994 an die Macht geputscht hat, gibt es in Gambia keine bürgerlichen Rechte mehr«, sagte Ensa. An eine Rückkehr in das westafrikanische Land sei nicht zu denken, denn zurückkehrende Flüchtlinge werden direkt und ohne Verfahren inhaftiert, berichteten die jungen Gambier.

Daran hat auch die Wahl am 1. Dezember, bei der überraschenderweise der Oppositionspolitiker Adama Barrow gewann, nichts geändert. »Noch hat keine Machtübergabe stattgefunden, wir wissen nicht, was Jammeh jetzt nach seiner Wahlniederlage tun wird«, sagte Modou. »Außerdem«, ergänzte Foday, »wissen wir nicht, ob Barrow den versprochenen demokratischen Wandel bringt.« Dennoch freuten sich die jungen Gambier über den Ausgang der Wahl. »Es ist immerhin ein Anfang«, sagte Modou.

Rückkehr nach Gambia

Zurückkehren wollen sie aber eines Tages alle, wenn sich die Lage im Land stabilisiert hat. Gerlach weiß, dass viele Gambier vorhaben, in ihre alte Heimat zurückzukehren. »Sie möchten die Zeit hier nutzen, um beispielsweise eine Ausbildung zu machen, damit sie dann helfen können, Gambia aufzubauen.« Ihre gambischen Schüler lobte sie dabei sehr: »Sie sind außerordentlich fleißig und ehrgeizig. Ein großer Vorteil ist dabei, dass eine große Anzahl gambischer Flüchtlinge sehr gute Englischkenntnisse aus ihrer Heimat mitbringen.«

Nach den Prüfungen im Sommer stehen für die jungen Männer dann Praktika an, die sie auf eine Ausbildung vorbereiten sollen. Foday hat schon ein Praktikum gemacht – und zwar im Pflegeheim in Pliezhausen. Seinem Berufswunsch Altenpfleger sei er damit schon ein Stück nähergekommen, so Foday.

Bei der Frage, ob es ihnen in Deutschland gut gefällt, waren sich alle drei einig. »Es gefällt uns hier sehr gut«, war die einstimmige Antwort.

Der Artikel „An eine Rückkehr nach Gambia ist noch nicht zu denken“ erschien am 10.12.16 im Reutlinger Generalanzeiger.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s