Südwestpresse: „Gambianer dürfen offen reden“

Tränen der Verzweiflung, Entsetzen über erlebte Foltermethoden, Wut über die ungewisse Zukunft in Deutschland und in ihrem westafrikanischen Heimatland: Die Emotionen waren groß beim Gambia-Forum im Haus der Begegnung am Samstagabend. Eigentlich hatten Flüchtlinge aus Gambia, die derzeit in Unterkünften in der Region leben, freudig erzählen wollen, dass ihr kleines armes Land nach 22 Jahren endlich von der Diktatur des Präsidenten Yahya Jammeh befreit sei und künftig unter dem siegreichen Oppositionskandidaten Adama Barrow aufatmen könne.

Jedoch wurde der lange von Diakonie, Caritas und dem Flüchtlingsrat Ulm geplante Termin am Tag der Menschenrechte über Nacht von der Realität eingeholt: Nach dem Eingeständnis seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl ruderte Jammeh zurück. Er erkenne das Wahlergebnis nicht an. Die Bestürzung unter den Flüchtlingen, die zum Großteil noch auf ihre Asylverfahren warten, ist groß: So kamen sie zahlreich aus ihren Unterkünften in Dornstadt, Amstetten und Geislingen zum Ulmer Forum.

Kinder brechen die Schule ab

Referentin Ulrike Fahlbusch war gemeinsam mit ihrem Mann Volkhard Schroth aus Freiburg angereist, um aus privatem Engagement heraus in Ulm  über die Zustände in dem nicht mal zwei Millionen-Einwohner-Land zu berichten: von wirtschaftlichen Anstrengungen, die der Präsident mit seiner Diktatur stets im Keim erstickt habe; von Kindern, die die Schule wieder abbrechen, weil die Eltern – ohne geregeltes Einkommen – kein Schulgeld übrig haben; von Erdnüssen, dem einzigen Exportgut.

Einer der Co-Referenten, ein Gambianer aus Dornstadt, schilderte eindrucksvoll seine Flucht quer durch Afrika, durch die Wüste und durchs Mittelmeer bis Italien. Der 32-Jährige hatte die Angst nicht mehr ausgehalten, gefoltert oder umgebracht zu werden, obwohl er einige Jahre Mitglied der Armee war. Keiner dürfe offen seine Meinung sagen. Junge Männer hätten keine berufliche Perspektive.

Bei der anschließenden Diskussion wurde auch die anklagende Frage gestellt: „Warum hat uns die ganze Zeit der Westen nicht geholfen?“ Dazu Ulrike Fahlbusch: „Weil Gambia zu klein ist und kein Öl hat.“ Und wie geht es nun weiter? Diese Frage traute erst gar niemand zu stellen.

Der Artikel „Gambianer dürfen offen reden“ erschien am 12.12.16 in der Südwest-Presse.

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