Junge Welt: „Völlig überflüssige Stammeskonflikte geschürt“

Unser Gesprächspartner ist 21 Jahre alt und lebt seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Zum Schutz vor weiterer Verfolgung dürfen wir seinen Namen nicht nennen. Er hat sich nach der Verhaftung eines Lehrers an seiner Schule an einer Demonstration für dessen Freilassung beteiligt. Der Protest wurde gewaltsam aufgelöst. Er selbst und Mitschüler wurden danach tagelang im Gefängnis festgehalten, wo er auch geschlagen wurde. Anschließend flüchtete er.

Vergangene Woche riefen aus Gambia Geflüchtete zu einer Reihe von Aktionen unter dem Motto »Gambians in Danger – Flüchtlingsrechte stärken, Abschiebungen stoppen« in ganz Baden-Württemberg auf. Was sind Ihre Forderungen an die deutschen Behörden?

Wir wollen eine Möglichkeit erhalten, hierbleiben zu können. Alle Abschiebungen nach Gambia sollen gestoppt werden. Die Probleme in Gambia sollten hier in Deutschland auch wirklich berücksichtigt werden.

Wie ist denn die Situation im Land?

Schon seit langem ist die Situation gefährlich und politisch instabil. Die Situation könnte sich sogar noch verschlimmern. Es gibt keine Freiheit, seine Meinung offen auszusprechen, oder andere zivile Rechte. Der Präsident von Gambia, Yahya Jammeh, tut alles, um an der Macht zu bleiben. Er kümmert sich nicht um das Wohl der Menschen, sondern versucht das Land zu entzweien. Jeder, der sich der Diktatur widersetzt, muss mit harter Verfolgung und Gewalt rechnen. In den Gefängnissen kommt es zu Folterungen; Menschen sterben dort, ohne dass die Umstände jemals geklärt werden. Auch völlig überflüssige Stammeskonflikte werden geschürt.

Aber Jammeh wurde Anfang Dezember abgewählt, statt dessen setzte sich der Oppositionskandidat Adama Barrow durch. Erwarten sie keinen Machtwechsel?

Wenn du in ein Haus kommst ohne Betten oder Essen und mit einem Dach voller Löcher, wird es dir schwer fallen, mit deiner Familie dort zu leben. Was ich meine, ist: Wenn es Adama Barrow wirklich schafft, ins Amt zu gelangen, tritt er ein sehr schweres Erbe an. Das Land ist in miserabler wirtschaftlicher Verfassung, viele gefährliche Menschen sind während Jammehs 22jähriger Präsidentschaft zu großer Macht gekommen. Ich würde mir vor allem erhoffen, dass Barrow versucht, die Spaltung zwischen den Stämmen zu überwinden.

Aber Sie klingen skeptisch.

Um ehrlich zu sein, vertraue ich nicht darauf, dass es wirklich zu einem Machtwechsel kommt. Der größte Teil des Militärs unterstützt Jammeh, besonders die hohen Ränge. Im Anschluss an die Wahl, nachdem er zunächst behauptet hat, er würde seine Niederlage akzeptieren, hat er weitere Leute befördert und andere, von denen er denkt, dass sie nicht komplett loyal sind, entwaffnen lassen. Er hat nun erklärt, das Amt nicht verlassen zu wollen. Seine Familie hat er außer Landes gebracht, das Militär auf eine gewaltsame Verteidigung seiner Macht vorbereitet. Er ist noch gefährlicher geworden als zuvor.

Was befürchten Sie, sollten Sie in Ihre Heimat abgeschoben werden?

Ich bin mir sicher, dass ich vom Flughafen direkt ins Gefängnis gebracht werden würde. Das hat Jammeh für alle angekündigt, die im Ausland Asyl beantragt haben. In dem Land herrscht ein regelrechter Ausnahmezustand. Weil ich im Ausland und auch früher schon gegen Jammeh gesprochen habe, wäre ich dort in Lebensgefahr.

Waren die Aktionen, mit denen Sie in der vergangenen Woche auf die Situation in Gambia hingewiesen haben, ein Erfolg?

An fast 50 Orten in Baden-Württemberg waren wir aktiv, meistens mit Informations- und Kulturveranstaltungen. In Ravensburg haben wir eine Demonstration mit mehr als 300 Menschen organisiert. Die meisten Leute auf der Demonstration waren Menschen aus Gambia, aber auch Unterstützer waren dort. Es gab viele gute Reaktionen, aber es gibt auch noch viel zu tun. Wir haben keine andere Wahl, als uns weiter dafür einzusetzen, alle Abschiebungen nach Gambia zu stoppen.

Das Interview „Völlig überflüssige Stammeskonflikte geschürt“ erschien am 19.12.16 in der Jungen Welt.

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